In diesem Artikel geht es um die Täter-Opfer-Umkehr und die zugrunde liegende Manipulationsstrategie DARVO. Darum, wie Narzissten es schaffen, sich als Opfer zu präsentieren und dich als den Bösen darzustellen, nachdem sie missbräuchlich an dir waren.
Ich gehe darauf ein
- warum sie das tun,
- welche Technik dahintersteckt,
- und warum sie oft die Situationen umdrehen. Ich meine, sie könnten doch auch einfach etwas erfinden, um dich schlecht dastehen zu lassen, oder?
Um DARVO zu verdeutlichen, zeige ich dir zuallererst ein Beispiel aus meinem Buch „Narzissmus in der Familie“. Wenn deine Situation nicht in der Familie, sondern am Arbeitsplatz oder in einer anderen Beziehung mit einer narzisstischen Person ist, dann kann dieser Artikel dennoch hilfreich sein, denn die Täter-Opfer-Umkehr ist eine typische Abwehrstrategie narzisstischer Persönlichkeiten um Verantwortung abzuwehren und deshalb wirst du dieses Muster bei sehr vielen narzisstischen Personen erleben.
Es ist ein Beispiel mit zwei Geschwistern (Namen und Details sind geändert): Amanda (Narzisstin), Mary (Sündenbock der Familie, nicht narzisstisch strukturiert).
Über Jahre erzählte die Schwester überall, wie sehr sie unter Mary leiden würde und dass Mary keinen Kontakt suche. In Wahrheit ignorierte sie Marys Nachrichten über mehrere Kanäle, reagierte nicht auf liebevolle Kontaktversuche – selbst Einladungen oder Geschenke blieben unbeantwortet.
Auf einer Familienfeier stieß sie Mary bei der Begrüßung weg, floh vor ihr auf die Tanzfläche – aber erst, nachdem sie gecheckt hatte, dass niemand aus der Familie hinsah. TROTZDEM entschuldigt sich Mary mit den Worten “Hey, wenn ich dir in der Vergangenheit mit irgendetwas weh getan habe, dann tut es mir leid” - Amanda reagiert auch hierbei nicht und sagt nicht einmal Tschüss. Danach erzählte sie allen, Mary hätte sie den ganzen Abend ignoriert.
Das ist Täter-Opfer-Umkehr: Sie tut etwas – erzählt aber allen, Mary hätte es getan.
Wie heißt die Technik dahinter?
Hier ist die Täter-Opfer-Umkehr durch die Manipulationsstrategie DARVO erfolgt.
DARVO
steht für
Deny (leugnen),
Attack (angreifen),
Reverse Victim and Offender (Opfer und Täter
vertauschen).
DARVO ist ein wissenschaftlich beschriebenes und empirisch untersuchtes Muster. Der Begriff wurde 1997 von der Psychologin Jennifer Freyd geprägt.
Angewandt auf das Beispiel mit Amanda:
Deny – leugnen: Amanda leugnet ihr Verhalten.
Attack – angreifen: Sie greift Marys Glaubwürdigkeit an.
Reverse Victim and Offender – Opfer und Täter umkehren: Sie stellt sich selbst als Opfer dar.
DARVO ist häufig bei Narzissten zu beobachten, sobald sie konfrontiert werden oder Verantwortung vermeiden wollen. Eine narzisstische Persönlichkeit kann emotional keine Schuld ertragen. Das würde das eigene Selbstbild zerstören.
Warum greifen narzisstische Personen zu dieser Technik?
- Einen Punkt habe ich bereits genannt: Um ihre weiße Weste vor sich selbst zu wahren. Etwas Böses getan zu haben passt nicht in das Bild, das sie von sich selbst haben. Deshalb schieben sie all das, was sie selbst nicht fühlen können, auf das Opfer
- Sie verdrehen die Realität, um unschuldig zu bleiben und ihre weiße Weste nach außen zu wahren.
- Um sich Macht zu sichern, indem sie die Realität kontrollieren
- Aus Neid auf die Echtheit des anderen: Ihre Opfer sind oft innerlich stark, können authentisch in Beziehung gehen. Dadurch wird ihnen das eigene Defizit gespiegelt und das ist nicht aushaltbar. Dies wiederum kann einen Zerstörungsdrang auslösen. Wenn sie zerstören, versetzt sie das in eine Art Rausch.
Warum sie Situationen 1:1 umdrehen statt etwas völlig Neues zu erfinden
1. Weil sie kein stabiles inneres Selbst haben
Narzisstische Menschen haben kein gefestigtes Ich-Gefühl. Alles, was sie tun, ist darauf ausgerichtet, ihr fragiles Selbstbild zu schützen. Sie nehmen die Realität, die für sie gefährlich ist und drehen sie einfach um. So bleibt die Geschichte nah genug an der Wahrheit, damit sie sie selbst glauben können.
2. Um Schamgefühle zu regulieren
Ein Narzisst kann keine Scham aushalten. Wenn sie dich angeschrien haben, entsteht Scham: „Oh Gott, ich habe mich schlecht verhalten.“ Dann erfolgt eine automatische psychische Reaktion: Scham → Selbstschutz → Täter-Opfer-Umkehr (Manchmal erkennen sie kurzzeitig, dass sie etwas falsch gemacht haben, ein paar Tage später ist diese Erkenntnis verschwunden, und du trägst wieder die Schuld.)
Im Kopf passiert das so: „Ich war nicht laut – DU warst laut! Ich habe mich nur gewehrt!“ Und sofort fühlt es sich für sie wieder „richtig“ an.
Oft glauben Narzissten ihre eigene Umdeutung. Das ist auch ein Grund, warum Tätern vor Gericht oft geglaubt wird: Sie wirken überzeugt, ehrlich, emotional stimmig - weil sie ihre eigene Version glauben. Deshalb wirken manche Täter*innen völlig überzeugt, ehrlich und emotional kongruent.
„Ich bin ein guter Mensch und ich habe etwas Schreckliches getan“ passt für sie nicht zusammen.
Also muss es anders gewesen sein. Sie deuten die Realität um und das kann so weit gehen, dass ein Täter Alpträume von seinem Opfer
entwickelt – so geschah es zum Beispiel auch bei Amanda aus meinem Buch „Narzissmus in der Familie“.
Zu dieser Dynamik gibt es auch ein Video, in dem ich die Täter-Opfer-Umkehr und DARVO noch anschaulicher erkläre:
Wenn du tiefer verstehen möchtest, warum narzisstisch strukturierte Personen in der Opferrolle verharren und Konflikte aufrechterhalten, findest du dazu einen vertiefenden Artikel hier.

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