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Warum Narzissten in der Opferrolle bleiben: Funktion, Macht und Dynamik

In meinem letzten Artikel ging es um Täter-Opfer-Umkehr und die Manipulationsstrategie DARVO, mit der Schuld verdreht und Verantwortung abgewehrt wird.

Eine Leserin stellte danach folgende Frage: Warum nehmen sie den Kontakt nicht an? Warum beenden sie den Streit nicht?

Vielleicht kennst du diese Fragen auch:

Warum hört es nicht auf? Warum wird die Hand, die du reichst, nicht angenommen? Warum bleibt das Drama bestehen? Und warum wirst ausgerechnet du so enorm attackiert und andere nicht?

Es gibt Gründe, warum narzisstisch strukturierte Personen Konflikte aufrechterhalten und in der Opferrolle verharren. Darum soll es in diesem Artikel gehen.

 

 

Wozu dient die Opferrolle?

 

 

1. Abwehr unerwünschter Anteile

 

Narzisstisch strukturierte Personen müssen die Selbstanteile, die sie an sich nicht ertragen können abspalten und sie ihrem Gegenüber zuschreiben, weil sie diese an sich selbst nicht ertragen können.

Darum: „Du meldest dich nie“ (oder andere Beschuldigungen) obwohl sie es selbst sind. Damit entlasten sie sich psychisch.

 

 

2. Opferidentität als Selbstwertregulation

 

Die Opferidentität gibt ihnen Sicherheit: Das leidende Opfer zu sein ist ihnen vertraut und gibt ihnen Identität. Diese Rolle stabilisiert ihren Selbstwert. Wenn der Konflikt wegfällt, fällt diese Identität weg und es entsteht innere Orientierungslosigkeit. Deshalb brauchen sie das Drama und schrecken vor einer Versöhnung zurück. Der Streit sichert ihnen die Loyalität, Aufmerksamkeit und Zuwendung der anderen Familienmitglieder.

 

 

 

3. Rechtfertigung von Aggressionen

 

Wenn sie das Opfer sind, rechtfertigt das aggressive Angriffe (gegenüber dem eigentlichen Opfer).  Es geht oft soweit, dass die Flying Monkeys irgendwann mitbekommen, wie gemein der Narzisst seinem Opfer gegenüber ist, es aber billigen, weil sie so sehr davon überzeugt sind, dass das Opfer der Täter ist.

 

 

 

4. Abwehr von Verantwortung und Schamgefühlen

 

Wenn sie die Opferrolle aufgeben würden, müssten sie Verantwortung übernehmen, indem sie anerkennen: „Das, was gerade passiert, hat etwas mit mir zu tun.“. „Ich habe Einfluss auf diese Beziehung.“, „Mein Verhalten trägt zu dem Konflikt bei.“ Das zerstört die innere Opferlogik: „Ich bin nur reagierend, nie verursachend.“ 

Diese Erkenntnisse würden Scham auslösen: „Ich melde mich nicht.“ + „Ich ziehe mich zurück.“ + „Ich entwerte andere“. Scham ist für narzisstisch strukturierte Personen extrem schmerzhaft und kaum regulierbar. Stattdessen wird projiziert: „Du meldest dich nie.“ Das schützt vor Scham.

 

Die Opferrolle erfüllt also verschiedene Funktionen: den Selbstwert stabilisieren, Verantwortung von sich weisen, Schamgefühle vermeiden, Aggressionen rechtfertigen.

 

 

 

5. Dunkler Part

 

Zu diesem Thema gibt es auch ein Video, in dem ich die Täter-Opfer-Umkehr und die Funktion der Opferrolle ausführlicher erkläre. 

Jetzt kommen wir zu einem Punkt, der unbequem ist. Ich nenne ihn „die Dunkle Ecke“, aus der die Motivation zur Aufrechterhaltung der Opferrolle auch entspringen kann:

 

5.1. Opferstatus zur Sicherung von Macht

 

Die Opferrolle ist keine Ohnmacht, sondern oft auch ein MachtinstrumentSchuldzuweisungen, emotionale Erpressung, Manipulation des sozialen Umfelds machen aus dem Opfersein eine moralische Waffe.

Also werden sie, noch während du Kontakt aufnimmst oder noch während du dich bemühst, dein Kind zu besuchen (wenn du ein gemeinsames Kind mit einem Narzissten hast) deine Nachricht löschen und sich über dich beschweren, dass du kein Interesse an dem Kind zeigen würdest.

Das ist der Grund, weshalb Eltern manchmal ihre Kinder verlieren, wenn sie gemeinsame Kinder mit einer narzisstischen Person haben. Weil manche ihren Opfern das nehmen wollen, was ihnen am wichtigsten ist, um einen größtmöglichen Schaden in deren Leben anzurichten.

 

5.2 Lust an Macht und Verwirrung

 

Das Erleben, jemandem die Realität zu entziehen, jemanden zweifeln zu sehen, emotional überlegen zu sein, die ganze Familie/ Freunde auf die eigene Seite zu ziehen kann machtstabilisierend wirken.

 

DARVO kann auch als Bestrafung erfolgen, wenn der Narzisst es nicht geschafft hat, dir weh zu tun. Und deshalb wollen Narzissten oft deine Hand nicht annehmen: Weil das Ziel deine Wunde ist.

 

Deshalb spielen neben den etwas nachvollziehbareren Gründen, die ich vor dem Dunkel-Part erwähnte auch Kränkung, Neid, Machtgewinn, Feindseligkeit und eine bewusste Bereitschaft zur Verletzung eine Rolle.

 

 

 

Noch etwas: Die Opferrolle kann nur bestehen, wenn es jemanden gibt, der als Täter erlebt wird.

Bleibst du ruhig, setzt Grenzen und reagierst nicht mehr, bricht diese innere Konstruktion zusammen. Das führt zu einer Identitätskrise. 

 

Um diese Krise zu vermeiden, wird häufig provoziert, eskaliert und alles daran gesetzt, dich zurück in den Streit zu ziehen. So lange, bis du reagierst, laut wirst oder dich rechtfertigst. Dann kann wieder mit dem Finger auf dich gezeigt werden. Deshalb lautet eine der wichtigsten Regeln im Umgang mit Narzissten: Aufhören, sich zu rechtfertigen.

 

 

 

Warum es so wirkt, als könnten sie mit anderen Nähe ohne Streit leben

 

Zielpersonen werden nur solche, die NarzisstInnen realistisch sehen, sich an Widersprüche erinnern und hinterfragen, emotionale Tiefe haben und das bedroht ihr Selbstbild. Andere Freunde/Familienmitglieder haben weniger emotionale Tiefe, mehr Anpassung oder Distanz, durchschauen Hinterhältigkeiten nicht oder konfrontieren Widersprüche nicht.

 

Diese Beziehungen sind dann oberflächlicher, kontrollierbarer, ungefährlicherDann ist Nähe nicht gefährlich für sie. Aber sobald sie jemand wirklich sieht, sich nicht einordnen lässt oder emotionale Wahrheit verkörpert, wird Nähe zur Gefahr.

Darum sind es in Familien oft genau die empathischsten, loyalsten Kinder, die auch für Gerechtigkeit einstehen und Ungerechtigkeit beim Namen nennen, die, die am stärksten angegriffen werden.

In narzisstischen Familien werden Enabler manchmal freundlich behandelt, nicht aus echter Nähe, sondern weil sie keine Bedrohung darstellen und das narzisstische System stabilisieren. Enabler hinterfragen nicht, versorgen emotional, geben Bewunderung und sind somit keine Bedrohung für die narzisstische Person.
Auch andere Personen werden deutlich besser behandelt, wenn sie einen höheren Status in der Familie haben, Einfluss auf die Familie haben und eine geringe Bedrohung mit sich bringen. 

Wer sich anpasst oder emotional auf Distanz bleibt, ist kontrollierbar. Wer wirklich sieht, fühlt und widerspricht, wird zur Gefahr. Wenn du die narzisstische Person nicht in der Familie, sondern in der Freundesgruppe hast, gilt hier das gleiche Prinzip: Du wirst nicht schlecht behandelt, wenn du zu viel "siehst".

 

Dieser Artikel baut auf dem vorherigen Beitrag zur Täter-Opfer-Umkehr (DARVO) auf. Wenn du die grundlegende Dynamik verstehen möchtest, kannst du ihn hier lesen.

 

 

Wenn du mehr über die Dynamiken & Manipulationsstrategien in narzisstischen Beziehungen erfahren möchtest, dann schau dir gern meine Bücher zu den Themen an.

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